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Presseperlen, Social Secretary

Die Malediven als Demokratiemuster. Nur ein Habermas kann uns retten, FAZ.net, 09. Februar 2011

Liebe Freunde und Kabinettsmitglieder,

trotz meiner bisweilen kritschen Distanz hinsichtlich Frank Schirrmacher, empfehle ich dieses vielschichtige und aufschlussreiche Interview. Wie die nicht minder klugen und feinsinnigen Leser treffend anmerken, könnten die Malediven trotz aller bestehenden Unterschiede zu den „arabischen Ländern in Nordafrika und im Nahen Osten“ für einen „zeitgemäßen islamischen Weg“ beispielhaft wirken. Trotz aller berechtigten Hoffnungen auf einen friedfertigen Wandel liegt auch noch vieles im Argen, wie Josef Heinz anmerkt. Ihm zufolge wurden laut Menschenrechtebericht von Amnesty International noch 2009 „Frauen wegen Ehebruchs ausgepeitscht“. Nur internationalen Protesten sei es zu verdanken, dass davon abgesehen wurde. Dies könnte man im weitesten Sinne durchaus als eine Parallele zur Französischen Revolution betrachten, bei der die Rechte von Frauen, anderen Ethnien usw. ebensowenig im Bewusstsein der männlichen Revolutionäre verankert waren, wie Uwe Bogumil an anderer Stelle treffend argumentiert.

Die Malediven als Demokratiemuster. Nur ein Habermas kann uns retten

Die Malediven als Demokratiemuster
Nur ein Habermas kann uns retten

Wie können sich muslimische Staaten ohne Traditionsverlust und Bürgerkrieg modernisieren? Die Antwort gibt Mohamed Waheed, Vizepräsident der Malediven. Im Gespräch mit Frank Schirrmacher erklärt er, wie sein Staat als erstes islamisches Land den Wechsel zur Demokratie vollzog – inspiriert von Jürgen Habermas.

Signal gegen die Gefahr des Klimawandels: eine spektakuläre Unterwassersitzung des maledivischen KabinettsSignal gegen die Gefahr des Klimawandels: eine spektakuläre Unterwassersitzung des maledivischen Kabinetts

09. Februar 2011

Herr Waheed, Sie haben über Jürgen Habermas promoviert und sehen in seinem Denken einen wichtigen Impuls für die Demokratisierung von Gesellschaften.

Ja, ich stamme aus einem Land, das noch bis vor kurzem einem strengen Regime unterworfen war. Ich durchlief in den sechziger und siebziger Jahren das westliche Bildungssystem; dadurch wurde mir vermittelt, das Leben als Mensch sei nur lebenswert, wenn man frei denken kann und sich frei ausdrücken darf. Was uns von anderen Spezies unterscheidet, sind die Fähigkeiten unseres Gehirns und unseres Herzens. Und solange wir diese nicht vollständig ausschöpfen und einsetzen, bleiben wir auf einer unteren Entwicklungsstufe.

Von Habermas lernen heißt Demokratie lernen: Der Frankfurter Philosoph hat den Malediven den Weg zu einem liberalen Land gewiesen.Von Habermas lernen heißt Demokratie lernen: Der Frankfurter Philosoph hat den Malediven den Weg zu einem liberalen Land gewiesen.

Sie haben sich während Ihres Studiums in Stanford außer mit Habermas überhaupt viel mit der Hermeneutik beschäftigt – inwiefern hat das Ihr Denken geprägt?

Mit diesem Verständnis kämpfen wir für die Menschenrechte in unserem Land. Wir tragen eine große Verantwortung, uns weiterhin für die Gleichberechtigung und Menschenrechte einzusetzen. Meine Familie, meine Freunde und ich waren Teil dieser Umwälzungen, die 2008 zu freien Wahlen und zu meiner Vize-Präsidentschaft führten. Es war ein langer Weg vom Obrigkeitsstaat zur Demokratie.

Zum Thema
* Kopenhagen-Gipfel: Ihr Rezept für den Klimakollaps
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Sie stammen aus armen, bäuerlichen Verhältnissen und sind der erste Bürger der Malediven, der promoviert hat. Fanden all diese Entwicklungen innerhalb einer Generation statt?

Ja, ich komme aus armen Verhältnissen. Mein Vater stammt von einer ländlichen Insel im Norden, meine Mutter von einer sehr armen Insel im Süden. Sie sind wegen der Bildung in die Hauptstadt gekommen, und aus dieser Verbindung bin ich hervorgegangen. Ich war auch einer der ersten Schüler, die auf einer englischsprachigen Schule im Land aufgenommen wurden. Es waren wirklich glückliche Umstände. Auf eine bestimmte Art und Weise war ich Teil eines großen Umbruchs in diesem Land. Ich ging zum Studieren ins Ausland und erzielte meinen ersten Abschluss an der Amerikanischen Universität im Libanon in Beirut. Dort herrscht ein sehr liberaler Geist. Das erste, wozu Studenten dort angehalten werden, ist, literarische Texte aus einem geschichtlichen Kontext heraus zu lesen. Wir wurden allem ausgesetzt, angefangen beim Gilgamesch-Epos über Samuel Beckett bis hin zur neuen modernen Literatur. Religiöse Schriften wurden ebenfalls behandelt.

Wie fing Ihr Studium an?

Ich begann mein Studium mit dem Studiengang International Development aus der Bildungsperspektive heraus. Erziehung und Bildung lassen sich nicht losgelöst von der Politik betrachten. Bildung ist ein ganz wichtiger Bereich, der auch die Politik bestimmt. Für jede neue Regierung braucht man einen anderen Lebenslauf. Denn der Lebenslauf verrät auch etwas über die Sicht des Menschen auf die Zukunft seines Landes. Als ich nach Stanford kam, war mein dortiger Mentor der deutsche Professor Hans Weiler, damals noch Direktor des International Institute for Educational Planning in Paris gegen Ende der siebziger Jahre. Ich schrieb ihn an, weil ich bei ihm studieren wollte. Er teilte mir mit, er würde aufgrund seiner Professur nach Stanford zurückkehren, und wenn ich wollte, solle ich zu ihm kommen. Und gemäß der europäischen Tradition eines Mentors folgte ich ihm dorthin.

Hatten Sie ein Stipendium?

Mohamed Waheed, promoviert mit einer Arbeit über Habermas, gehört heute zu den führenden politischen Figuren der Malediven.Mohamed Waheed, promoviert mit einer Arbeit über Habermas, gehört heute zu den führenden politischen Figuren der Malediven.

Ja, ich hatte sogar mehrere, denn ich war ja für eine lange Zeit dort. Zuerst hatte ich eines von der Unesco für einen kurzen Zeitraum, anschließend von der Asian Foundation und schließlich eines aus Saudi-Arabien. Professor Hans Weiler war als deutscher Politikwissenschaftler sehr vertraut mit der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie; die Stanford Educational School verfügte über zahlreiche progressive Denker, so zum Beispiel Martin Carnoy, der einen Lehrstuhl für Politikwissenschaften und Erziehung hatte. Und so fing ich an, Literatur zu lesen. Ich begann, Politik aus Sicht der Interpretation und Legitimation heraus zu verstehen. Das war sehr nützlich, um zu verstehen, wie Politik entsteht und erhalten wird und wodurch sie ihre Legitimation erhält oder auch wieder verliert. Aus der politikwissenschaftlichen Betrachtungsweise heraus ist ein Diskurs über Bildung innerhalb einer Gesellschaft ein erzieherischer Prozess.

Sie stammen aus einem autoritären Staat und sind mit der islamischen Religion aufgewachsen. Was haben Sie in der Frankfurter Schule gesehen? Haben Sie die Möglichkeit der Entlegitimierung des Staates, also des Systems, gesehen oder sogar die Möglichkeit, das zu erreichen, was Sie persönlich erreicht haben, nämlich die Liberalisierung?

Malé, die Hauptstadt der Malediven

Ja, damit wir das Gegebene teilweise in Frage stellen können, müssen wir verstehen, wie die verschiedenen Versionen der Wirklichkeit kreiert wurden. Dass sie aus der dominanten Perspektive der Bestimmenden stammen. Um eine gerechtere Gesellschaft schaffen zu können, muss man das Gegebene hinterfragen können. So ist es nicht gerecht, dass ein Mitarbeiter über einen langen Zeitraum viele Überstunden arbeitet und auf diese Weise zur Loyalität gezwungen wird. Vertrauenswürdigkeit und Loyalität dürfen nicht zur Ausbeutung der Arbeitskraft führen. So etwas muss hinterfragt werden. Aus Sicht der Menschenrechte muss jeder Mensch gerecht behandelt werden.

Wie lassen sich, Ihrem Verständnis nach, die Traditionen der Frankfurter Schule, die ja nur einen Teilaspekt der Hermeneutik darstellen, mit der Bedeutung der Religionen in der modernen Gesellschaft vereinbaren?

Mohamed Nasheed, seit 2008 erster demokratischer Präsident der MaledivenMohamed Nasheed, seit 2008 erster demokratischer Präsident der Malediven

Ich bin nicht geschult im Thema Religionswissenschaften, aber für uns ist der Islam ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft. Er ist sozusagen das Verbindungsglied, das die Gesellschaft zusammenhält. Zuallererst ist unser Verhältnis zu Gott eine spirituelle Beziehung – einerseits, um unserem Leben eine Bedeutung zu geben, und andererseits, um eine höhere Macht anzuerkennen. Ich habe fünf Jahre lang im Mittleren Osten gelebt und drei Jahre in Afghanistan. Dadurch erhielt ich ein besseres Verständnis für das breite Spektrum der Interpretation des Islam. Ich habe die syrische, libanesische und jordanische Gesellschaft auf der einen Seite und andererseits zum Beispiel die pakistanische Gesellschaft kennengelernt. Jeder Intellektuelle unterliegt der Verpflichtung, gemäß seinen kulturellen Einflüssen zu reflektieren. Und hier hilft uns die Hermeneutik, die Religionen besser zu verstehen. Denn das Christentum hat einen Wandel durchlebt, der letztendlich die Hermeneutik mit entwickelte. Die spirituellen Texte wurden exakter betrachtet und untersucht, die Methoden hierfür wurden im Laufe der Jahre verbessert. Es gab eine Bewegung von der Akzeptanz des Gegebenen hin zur Einbeziehung des historischen Kontextes, vor allem im Hinblick auf das Leben des Einzelnen.

Was bedeutet das für den Islam?

Auch in unserem Fall wurde uns der Islam von Allah gegeben als Religion für jeden und für alle Zeiten. Das verleiht ihm einen universellen Charakter und erklärt seine Anziehungskraft auf der ganzen Welt. Um diese Universalität zu erhalten, ist es wichtig, von den Fortschritten der Wissenschaft und der Methodik zu profitieren. Um eine demokratische islamische Gesellschaft aufzubauen, muss man den historischen Kontext mit einbeziehen. In einer Demokratie müssen Menschen, meinem Verständnis nach, Inhalt und Bedeutung finden können, ihre Erfahrungen in einen Zusammenhang stellen können und einen Dialog führen. Wenn man unsere spirituelle Führung als richtig und gegeben betrachtet und kein Hinterfragen zulässt, kann man sie nur durch eine Unterdrückung aufrechterhalten.

Das lehrt Habermas.

Anhänger der Maldivischen Demokratischen Partei im Jahr des demokratischen Wechsels 2008 Anhänger der Maldivischen Demokratischen Partei im Jahr des demokratischen Wechsels 2008

In einer Gesellschaft existieren immer Fragen, und es muss für die Menschen Raum für Untersuchung und Beantwortung geben unter Einbeziehung der wissenschaftlichen Fortschritte. Damit eine Demokratie gelingen kann, muss man den Menschen erlauben, die kulturellen Werte zu hinterfragen.

Dieses Konzept haben Sie auf den Malediven umgesetzt und bewiesen, dass es funktioniert. Aber dabei handelt es sich um eine Auseinandersetzung des Staats gegen das Individuum. Jetzt geht es um die Religion gegen das Individuum, doch die Lehren bleiben die gleichen. In Europa verstärkt sich die Diskussion über die Frage, ob es eine immer größer werdende Anzahl von Muslimen gibt, die der Ansicht seien, dass dadurch eine Art der Säkularisierung impliziert wird.

Die Malediven: kleine, vom Klimawandel bedrohte Flecken im Ozean Die Malediven: kleine, vom Klimawandel bedrohte Flecken im Ozean

In bin der Ansicht, dass das Wort „Säkularisierung“ nicht angebracht ist, denn es impliziert die Abwesenheit Gottes, und darüber reden wir ja nicht. Es geht um die Modernisierung der angewandten Kulturwissenschaften. Die Referenzmethode nimmt Bezug auf Studien, eine nach der anderen, und aufgrund der Referenz wird die Echtheit bestätigt. Die Frage ist nun, ob der Islam über eine ausreichende Anzahl von Intellektuellen verfügt, den Prozess weiterzuführen.

Sie sind einer von diesen Intellektuellen. Gibt es noch weitere?

Es gibt wohl einige. Aber die weiterführenden Studiengänge an islamischen Universitäten müssen sich etwas von den Fortschritten der angewandten Wissenschaften borgen.

Vielleicht existiert ja irgendwo eine Art islamischer Habermas?

Es ist für uns alle heutzutage wichtiger denn je, an den Fortschritten des anderen teilhaben zu dürfen, denn wir können die islamische Welt nicht länger von der westlichen oder der östlichen Welt abgrenzen.

Wir haben ja bisher auch voneinander profitieren können.

Ja, wenn man sich heute mit einem christlich orientierten Europäer über den Islam unterhält, dann merkt man, dass dieser nichts gegen den Islam einzuwenden hat, sondern lediglich gegen die Extremisten. Die Auseinandersetzung muss unter den Intellektuellen geführt werden. Es gibt auf beiden Seiten Menschen, die polarisieren und die Religion für ihre populistischen Zwecke missbrauchen. Die Auseinandersetzung muss von islamischen Intellektuellen zusammen mit westlichen Gelehrten geführt werden.

Wie schätzen Sie die vom Extremismus ausgehende Gefahr für die Malediven ein?

Extremismus, egal aus welcher Quelle, ist eine Gefahr für jedes Land. Er existiert im Westen ebenso wie bei uns. Wir müssen uns bemühen, den Hintergrund und die Ursachen des Extremismus besser zu verstehen.


Sie lebten im Libanon, in Afghanistan, in den Vereinigten Staaten und wissen also, wovon Sie sprechen.

Nicht nur das, ich war auch mitten im Krieg. Ich war als junger Student zwei Jahre lang mittendrin im libanesischen Bürgerkrieg, anschließend drei Jahre lang im Afghanistan-Krieg. Durch die Tatsache, dass ich inmitten dieser Konflikte lebte und die Auswirkungen auf die Bevölkerung kennenlernen musste, kann ich nur sagen: Kein Krieg ist das wert.

Den Eindruck, den wir aus unseren Medien vermittelt bekommen, ist der, dass alle Muslime den American Way of Life hassen, also grundsätzlich die Vereinigten Staaten. Ich rede jetzt nicht von Propaganda. Entspricht das der Wahrheit?

Nein, ich glaube nicht, dass Menschen im Mittleren Osten oder in den islamischen Ländern grundsätzlich die Menschen im Westen hassen oder im Speziellen die Amerikaner. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber es ist nicht die Regel. In den islamischen Ländern existiert ein weitverbreitetes Gefühl der Ungerechtigkeit, das rührt natürlich von Palästina her. Die Internationale Gemeinschaft ist schon viel zu lange nicht in der Lage, dieses Problem zu lösen.

In Deutschland diskutiert man derzeit Möglichkeiten der Kooperation und Integration vor dem Hintergrund einer starken muslimischen Bewegung. Sind Sie der Meinung, dass die Vereinigten Staaten, ungeachtet aktueller Probleme, mit ihrem Melting Pot ein Vorbild für moderne Nationen in Sachen Integration darstellen?

In den Vereinigten Staaten trifft man zum Beispiel auf chinesische Bewohner, die kein Wort Englisch sprechen. Jedes Land hat seine Grenzen und Begrenzungen, ob in kultureller oder sozialer Hinsicht. Es überrascht mich nicht, dass Deutschland sich wünscht, dass alle Bewohner Deutsch sprechen können. Das ist verständlich. Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen ihre Muttersprache nicht mehr sprechen sollen. Die Vereinigten Staaten sind seit Jahrhunderten ein Land der Einwanderer, und es braucht einfach viel Zeit, sich zu integrieren. Das Wichtigste ist, eine friedliche Koexistenz zu ermöglichen und Verständnis zu haben, damit die Menschen sich nicht fürchten müssen, also weder die bisherigen Einwohner noch die Zuwanderer. Und vieles hängt dabei natürlich von der Zuwanderungsrate ab.

Wie ist die Lage auf den Malediven?

Wir erkennen die Problematik. In der Vergangenheit war die Zuwanderungsrate gering, die Integration verlief reibungslos. Jetzt haben wir allerdings eine hohe Zuwanderungsrate von Gastarbeitern. Aktuell ist jeder vierte Bewohner auf den Malediven ein Ausländer. Das führt zu einer gewissen Beunruhigung in der Bevölkerung. Es wird auf einmal unterschieden zwischen ihnen und uns.

Sie haben den politischen Wandel auf den Malediven vollzogen, und Sie haben Afghanistan erlebt. Als der Irak-Krieg anfing, dachte der Westen noch, es wird, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Wiederaufbau stattfinden, es wird demokratische Regierungen geben, und alles geht weitestgehend problemlos vonstatten. Weit gefehlt. Wie schätzen Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen die Chancen und Möglichkeiten ein, beispielsweise Afghanistan zur Demokratie zu führen?

Ich denke, es ist das Bestreben eines jeden Einzelnen, demokratisch leben zu können. Keiner möchte als Sklave leben. Jeder möchte Freiheit, insbesondere für seine Kinder. Das gilt für jedes Land, natürlich auch für Afghanistan. Die Menschen dort schicken, obwohl sie arm sind und es ihnen am Nötigsten fehlt, ihre Kinder in die Schule. Sie haben Hoffnung für ihre Kinder.

Die Kinder sind also der Antrieb.

Ich glaube, die Demokratie wird kommen, in jedem Land. Aber die Demokratie ist keine feste Konstante, sie wird umkämpft, beispielsweise von extremen politischen Parteien. In einer Gesellschaft existieren immer Strömungen, es gibt immer jemanden, der bestimmen möchte.


Diese Sorge existiert auch in europäischen Ländern vor jeder neuen Wahl.

Diese Angst existiert überall. In jeder Gesellschaft müssen Strukturen aufgebaut werden, es muss ein legales Rahmenwerk für die Demokratie erstellt werden. Dies garantiert eine Vielfalt, erlaubt Debatten und Auseinandersetzungen, ermöglicht aber eine gewaltfreie Konfliktlösung.


Sie sind unter einer Diktatur aufgewachsen und somit Zeuge und Opfer zugleich.

Es ist nicht nur meine persönliche Geschichte, sondern auch die Geschichte vieler Bürger der Malediven und anderer Länder, wie zum Beispiel des Irak, in denen eine Diktatur herrschte. Unsere Familien wurden verfolgt und jeder andere, der wie ich an Politik interessiert war, ebenso. Meine Familie wurde gefoltert, viele davon haben sechs oder acht Jahre in Haft verbracht – für nichts. Meine Mutter wurde verschleppt und zu sechs Jahren im Exil verurteilt. Es passierten die schrecklichsten Sachen und das auf der ganzen Welt.

Lebt Ihre Mutter noch, hat sie Ihre Vizepräsidentschaft noch miterlebt?

Leider nein.


Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Bildungssystem Ihres Landes zu modernisieren. Wie soll das vonstattengehen? Könnten hierbei Ihrer Meinung nach europäische oder deutsche Einrichtungen oder Regierungen Unterstützung leisten?

Deutschland war den Malediven immer sehr wohl gesinnt. Ich habe letztes Jahr bei einer UN-Versammlung Bundeskanzlerin Merkel getroffen. Sie ist sehr gütig und besonders den kleineren Ländern gegenüber sehr aufgeschlossen, die sich mit der Problematik des Klimawandels konfrontiert sehen. Unser Präsident steht mit ihr in einem engen Austausch, sie berät uns auch zu erneuerbaren Energien.

Wo sehen Sie Ihre Aufgaben?

Eine meiner Aufgaben als Vize-Präsident besteht darin, die erste nationale Universität zu errichten. Der Gesetzentwurf wurde vergangenen Dezember im Parlament beschlossen, und nun hoffen wir auf eine enge Kooperationen mit Universitäten im Ausland, auch in Deutschland. Abgesehen von den Studienkursen, die zum Bachelor-Abschluss führen, werden wir zudem Forschung auf Graduiertenniveau für einige Fachrichtungen einrichten, beispielsweise für die Fachgebiete Klimawandel und Meereswissenschaften. Hier haben wir bereits eine Zusammenarbeit mit der Universität in Mailand aufgenommen, die eine Forschungsstelle auf einer unserer Inseln errichtet hat. Ähnliche Projekte möchten wir gerne mit Universitäten aus Deutschland aufbauen. Demokratie und Entwicklung sind wichtige Bereiche für uns, und hier möchten wir eng mit Deutschland kooperieren, insbesondere im Bereich der Sozialwissenschaften. Vielleicht können wir Austauschprogramme durchführen, das könnte auf lange Sicht ebenfalls zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen.


Wird die Universität hier auf der Hauptinsel und in der Hauptstadt Malé errichtet?

Die Basis der Universität stellen bereits existierende Gebäude hier auf Malé. Der Hauptcampus wird wahrscheinlich auf der Nachbarinsel von Malé sein, das Grundstück haben wir noch nicht endgültig ausgesucht.

Und es wird Professoren geben?

Ja, insbesondere in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Wir möchten ausländische Professoren einladen, eine Weile zu uns zu kommen. Wir möchten Studenten anziehen, verstärkt in den Bereichen Umwelt und Klimawandel, Demokratie und Islam, Meereswissenschaften und Tourismus. Auf all diesen Gebieten können die Malediven eine Bereicherung darstellen, und da ist es natürlich sinnvoll, sich darauf zu konzentrieren und so herausragende Studenten anzuziehen. Und hier wünschen wir uns Unterstützung von Deutschland, zumindest beim Aufbau einer Fakultät.

Ich bin mir sicher, die werden Sie erhalten. Was wir in Deutschland sicherlich nicht in ganzem Ausmaß realisiert haben, ist, wie tiefgreifend der Wandel auf den Malediven war.

Wir konnten einen friedlichen Wandel vollziehen, anders als in manch anderen Ländern der Welt. Schauen wir uns die couragierten mutigen Menschen in Tunesien an, die ihre Chance ergreifen. Hoffentlich wird es zumindest von jetzt an ein friedlicher Prozess des Wandels, damit es ihnen gelingt, eine Agenda der Demokratie aufzubauen. Die Ägypter durchleben denselben Befreiungsprozess nach Jahren der autokratischen Führung. Vor unserem Wandel waren die Malediven ein Mikrokosmos wie Ägypten auch. Uns ist es gelungen, den Wandel friedlich zu vollziehen. Auch den Ägyptern kann das gelingen. Es bedarf nur Menschen, die bereit und willig sind, sich gegenseitig zuzuhören und miteinander zu reden. Beide Länder waren einer mehr als dreißigjährigen Diktatur unterworfen und greifen auf ähnliche religiöse und kulturelle Strukturen zurück. Die Malediven sind das erste islamische Land, das den Wechsel zum demokratischen Mehrparteiensystem vollständig vollzogen hat. In der Vergangenheit konnten wir von den Ägyptern lernen; heute ist es so, dass sie von uns etwas lernen können.


Hinter dem Klimawandel steckt, in positivem Sinne, eine große Industrie, es ist fast wie die Antwort auf das neunzehnte Jahrhundert. Durch das äußerst positive, auch touristisch bedingte Ansehen der Malediven könnten Sie auf diesem Gebiet eine tragende Rolle spielen.

Wir sind fest davon überzeugt, dass jetzt der Zeitpunkt ist, um in erneuerbare Energien zu investieren.


Sie haben einmal in Ihrem Blog, der im August 2010 eingestellt wurde, geäußert, dass die Menschen auf den Malediven den Wandel nicht wirklich vollständig begreifen würden. Nun bedeuten Veränderungen immer auch, dass man etwas aufgeben muss. Wie setzt die Bevölkerung das um?

Es wird besser. Besonders die jungen Menschen fangen an zu verstehen, dass die Zukunft der Malediven anders aussehen wird als die Vergangenheit. Wir müssen für sichere, verlässliche Verhältnisse sorgen, und manchmal ist es dafür auch nötig, von einer Insel zur anderen umzuziehen. Wir erlebten Schreckliches durch einen Tsunami und mussten Zehntausende Menschen umsiedeln. Die internationale Gemeinschaft hat uns bei der Bewältigung sehr geholfen, aber immer noch haben 1600 Menschen kein Zuhause. Auch diese Erfahrungen tragen bei den jungen Menschen dazu bei, ein besseres Verständnis für den Wert einer sicheren und nachhaltigen Zukunft zu entwickeln. Wir sind sozusagen sehr feinfühlig geworden für Veränderungen, die durch den Klimawandel ausgelöst werden. Unsere Regierung hat eine Richtlinie für einen niedrigen CO2-Ausstoß aufgestellt. Wir wollen bis 2020 eine Neutralität erreicht haben.

Finden Sie auf diesem Sektor Unterstützung in der Tourismusbranche?

Ja, die Tourismusindustrie in unserem Land handelt sehr vorausschauend, auch im eigenen Interesse. Was wir als Regierung nun tun können, ist, sie dabei zu unterstützen, Richtlinien für einen geringen CO2-Ausstoß zu erarbeiten. Wir stehen in Verhandlungen mit der IFC (International Finance Corporation), um günstige Kredite für unsere Vorhaben zu erhalten. In einigen Ressorts laufen Pilot-Projekte, zum Beispiel Solaranlagen. Nicht zuletzt verlangen ja auch die zu uns kommenden Touristen danach.

In diesem neuen Zeitalter könnten Länder wie die Malediven auf manchen Gebieten führende Rollen einnehmen. Die Zeiten der Industrialisierung sind vorbei, die Industrienationen können hier etwas lernen und von einem Austausch profitieren. Nun zum Thema Fundamentalismus. Ihr Land befindet sich nicht in einer Feindschaft zu anderen Ländern. Deutschland ebenfalls nicht, aber es scheint so, als ob es eine Bedrohung von innen heraus gibt, als ob man sich seine eigenen Feinde erschafft.

Die Malediven sind ein Mikrokosmos. In diesem Mikrokosmos ist letztlich jeder mit jedem verwandt, die Menschen begegnen sich als Freunde. Als Kollektiv gesehen, vertreten wir die gleichen Interessen. Selbst die Interessen der Opposition überschneiden sich irgendwann mit denen anderen.

Sie denken sehr wie ein Historiker. Können Sie sich, als Intellektueller, die Taliban-Bewegung erklären? Aus westlicher Sicht erscheint es so, als ob sie aus der Gesellschaft heraus entstanden wäre.

Das ist eine meiner Sorgen, auch für die Malediven. Nehmen wir Afghanistan als Beispiel. In Afghanistan zu Zeiten des Königs herrschte ein sehr offenes Klima, Veränderungen sollten möglichst schnell vonstattengehen. Und ich denke, dass die Entstehung der Taliban eine Reaktion auf diese schnellen Veränderungen war, weil die Bevölkerung ihr nicht so schnell folgen konnte. Wenn eine Elite ihre Ansichten durchdrückt, folgt natürlich eine Reaktion darauf. Ich denke, das war der Nährboden der Taliban.

Sehr interessant. Habermas und andere vertreten die Ansicht, dass, in Bezug auf unsere Geschichte, Hitler nur wegen des enormen Drucks, der durch die Industrialisierung ausgelöst wurde, an die Macht kam. Die Bevölkerung war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts überfordert, dann kam Hitler und versprach den Aufbau einer überschaubaren Gesellschaft ohne Druck.

Die Menschen fühlten die Bedrohung ihrer traditionellen Werte. Pakistan ist eine sehr traditionsreiche Gesellschaft, die Menschen können ihre Lebensführung nicht über Nacht ändern. Es ist zudem eine sehr reiche und wertvolle Tradition. Wir müssen grundsätzlich sehr behutsam dabei vorgehen, wenn wir Veränderungen einführen, und dürfen den Menschen nichts aufzwingen. Selbst Demokratie kann nicht aufgezwungen werden. Wir müssen sehr vorsichtig und langsam voranschreiten.

In welcher Stimmung befinden Sie sich gerade als Politiker Ihres Landes: Sind Sie glücklich über die Fortschritte, oder ist Ihre Stimmung etwas verhaltener?

Ich bin nach wie vor sehr glücklich über die politischen Veränderungen. Aber ich bin auch angespannt, denn wir durchlaufen eine schwierige Phase der demokratischen Findung.

Die Menschen müssen nach einer langen Zeit der Diktatur erst einmal lernen, frei und offen zu sprechen. Obwohl die Bevölkerung auf den Malediven einen glücklichen Eindruck vermittelt, scheint das auch hier der Fall zu sein.

Ich wurde als Schulkind vom Erziehungsminister befragt, warum ich mit Touristen gesprochen hatte. Und jedes Mal, wenn ich meine Meinung gesagt oder aufgeschrieben habe, selbst später als Regierungsangehöriger, wurde ich bestraft.

Wie wurden Sie der, der Sie heute sind?

Man wird konstant über Jahre hinweg zurückgehalten. Als Individuum ist man mit seinen Ideen und Gedanken gefangen, kann sich nicht mitteilen, aber irgendwann möchte man einfach die Demokratie ins Land holen, man möchte einfach frei sein. Man erfährt keine Humanität, bis man nicht frei ist. Wir müssen begreifen, dass unsere arabischen Freunde in Tunesien, Ägypten und im Jemen ebenfalls die Sehnsucht, das Streben nach Freiheit fühlen.

Ist der Wandel auf das Ausland zurückzuführen?

Ich denke, die demokratische Bewegung auf den Malediven ist hausgemacht und kam von innen heraus. Es ist der Geist der jüngeren Bevölkerung.

Wie in Ostdeutschland.

Möglich wurde der Umbruch auch durch unsere Freunde im Ausland. Wir wurden von den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und anderen Ländern unterstützt.

Und Sie persönlich sind in ganz Europa bekannt und zu Hause wohl ein Nationalheld.

Oh, hier gibt es viele Helden. Unser Präsident ist ein Held, viele junge Menschen, die die Demonstrationen anführten und inhaftiert wurden, meine Verwandtschaft, mein Stiefbruder – sie sind alle Helden.


Wie sind Sie mit der Sicherheitspolizei verfahren? Ich frage nur, weil wir ja in Ostdeutschland auch diese Schwierigkeiten hatten. Es wurden einige sehr schwer wiegende Fälle herausgegriffen; aber im Ganzen wurde versucht, statt einer Revolution eine Evolution zu starten.

Wir stehen von allen Seiten unter ständigem Druck. Wir stehen unter Druck, was die Vergangenheit angeht, und es gibt viele Menschen, die sich rächen möchten. Wir haben nicht die Zeit für so etwas, und ich bin auch der Ansicht, dass das nicht gesund für uns wäre.

Das ist ein Thema für die folgende Generation.

Wir können nicht nach vorne gehen und dabei ständig zurückschauen. Wir können nicht die Vergangenheit mit uns herumtragen. Das ist auch ein Problem der großen politischen Parteien: Sie blicken zu sehr auf ihre Vergangenheit zurück. Die regierende Partei ist immer noch verletzt von den Folterungen und leidet noch zu sehr, sie hat noch Schwierigkeiten voranzuschreiten. Ähnlich ergeht es der Opposition, die noch verbittert ist über den Verlust der Privilegien aus der Vergangenheit. Es gab zu viele Verletzungen auf beiden Seiten. Wie Präsident Obama schon gesagt hat: Wir müssen die Sprache der Heilung sprechen. Und aufgrund dessen wird die Politik hierzulande noch polarisiert, wir können noch keinen intellektuellen Diskurs über die Zukunft führen.

Manchmal hilft ein Blick von außerhalb, auch um zu sehen, wie sehr die erzielten Veränderungen von anderen Ländern bewundert werden. Wir haben dies ebenfalls, zwar in einem anderem Ausmaß, mit Ostdeutschland und auch anderen kommunistischen Ländern erlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die Dinge anders, aber es wurden nur wenige zur Verantwortung gezogen und verurteilt. Die Wiedervereinigung liegt mittlerweile fast 22 Jahre zurück und wird immer noch thematisiert. Es dauert einfach eine Generation lang, bis es durch ist.

Deshalb ist es für uns umso wichtiger zu verstehen, dass die letzten fünf Jahre nur ein Glied in der langen Kette der Demokratie sind. Wir können nicht alles in so kurzer Zeit bewältigen. Wenn wir Druck ausüben würden, würde das Ergebnis schlimmer ausfallen als das, was war.


Wie hoch ist das Risiko, dass die Malediven wieder zurück in die Diktatur fallen?

Diese Gefahr besteht immer. Deshalb müssen wir umso mehr den Blick auf die Stärkung unserer demokratischen Institutionen richten. Wir können viel Unterstützung gebrauchen. Wir müssen unser Justizsystem stärken, die Ausbildung unserer Richter verbessern, unsere Gesetze und unser Parlament verstärken. Unser Parlament ist jetzt viel größer und stärker, aber dies sollte uns nicht davon abhalten, uns zu fragen, ob dies der ideale Zustand ist, den wir erreichen wollen.

Wenn die ersten Studenten ihr Studium an der neuen Universität abgeschlossen haben, werden sie hier Arbeit finden?

Wir haben noch nicht viel über die wirtschaftlichen Herausforderungen in diesem Land gesprochen. Als wir an die Regierung kamen, war die Wirtschaft in einem schlechten Zustand. Vor zwei, drei Jahren gab es große Gehaltssprünge, kurz darauf kam die globale Wirtschaftskrise. Die hat uns natürlich auch getroffen, aber wir haben uns weitestgehend wieder erholt. Wir hatten ein großes Defizit, das unsere Kreditwürdigkeit untergrub, niemand wollte uns Geld leihen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Regierung Kontakt mit dem International Monetary Fund aufgenommen. Mittlerweile sind viele Reformen auf dem Weg, auch Finanz- und Steuerreformen. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, Arbeitsplätze zu schaffen. Es gibt viele junge Menschen, die Arbeit brauchen. Wir haben eine hohe Drogenmissbrauchsrate, die ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass viele junge Menschen arbeitslos sind und sich nicht produktiv einbringen können.

Das ist eine gefährliche Situation: junge, gebildete Menschen ohne Arbeit in einem kleinen Land.

Gerade deshalb müssen wir in Projekte investieren, die bei uns Arbeitsplätze schaffen und nicht im Ausland.

Wie regieren Sie überhaupt die Vielzahl Ihrer Inseln? Einige sind ja unbewohnt oder spärlich besiedelt, die höchste Bevölkerungsrate hat Malé. Wie funktioniert das? Besuchen Sie die Inseln regelmäßig per Boot?

Ja, wir haben 186 bewohnte Inseln. Jede hat ihre lokale Regierungsstruktur, die lokalen Ansprechpartner fußen im Grunde genommen auf Patronage. Der Präsident nominiert dann lediglich die Vorstehenden. Jetzt im Februar jedoch wird es erste freie lokale Wahlen geben. Das ist neu für uns alle. Die Malediver sind ein Seefahrervolk, die Einwohner sind mit ihren eigenen Booten nach Indonesien, Bangladesch, in den Mittleren Osten oder nach Afrika gefahren. Wir sind ausgezeichnete Bootsbauer.

Und Sie verfügen über eine hervorragende Küstenwache.

Unsere Küstenwache ist jung und sehr gut ausgebildet. Aber es sind zu wenige, und sie benötigen eine bessere Ausstattung. Sie brauchen bessere Schiffe, neue Technologien und ein Frühwarnsystem. Wir werden seit neuestem durch Piraterie bedroht. Wir haben ein paar kleine somalische Boote aufgegriffen, vermutlich handelte es sich um Piraten.

Die Frage ist, wann ein Resort auf einer der Inseln hier überfallen wird.

Wir arbeiten an unserer Verteidigung. Die Küstenwache ist in Alarmbereitschaft, wir arbeiten eng mit der indischen und amerikanischen Marine zusammen.


Und Sie müssen den Drogenschmuggel in den Griff bekommen. Die Drogen kommen per Boot ins Land, oder?

In dieser Angelegenheit machen wir Fortschritte. Wir konnten die Einfuhr harter Drogen, wie Heroin, in großem Ausmaß reduzieren. Aber es gibt weiterhin einen hohen Marihuana-Konsum. Wir verfügen über ein Therapiezentrum, das 150 Plätze bietet, aber wir haben ungefähr 3000 junge Menschen, die einen Platz benötigen.

Aber Sie verhängen doch hohe Strafen für Drogenkonsum. Trotzdem ändert es nichts?

Achtzig Prozent der Häftlinge sind wegen Drogenmissbrauchs inhaftiert. Wer Drogen konsumiert, wird mit zwölf bis 25 Jahren Haft verurteilt. Aber es verändert nichts, Menschen zu inhaftieren. Wir brauchen im Vorfeld einen verbesserten Präventionsansatz und ein Erziehungsprogramm, das greift und das Verhalten verändert und reformiert. Ich bin teilweise verantwortlich für das neue Programm und habe mir deshalb bereits in England und in den Vereinigten Staaten Programme angesehen. Deshalb besuche ich auch jedes Mal bei einem Auslandsbesuch die hiesigen Gefängnisse. Wie die Gefangenen behandelt werden, sagt viel über die Gesellschaft aus.

Mohamed Waheed, 1953 auf den Malediven geboren, studierte unter anderem Anglistik in Beirut und Stanford, arbeitete für die Vereinten Nationen und wurde 1987 als der Erste seines Landes zum Doktor der Philosophie promoviert – mit einer Arbeit über Jürgen Habermas. Heute gehört er zu den führenden politischen Figuren der Malediven. Im November 2008 wurde er als erster frei gewählter Vizepräsident vereidigt.

Das Gespräch führte Frank Schirrmacher.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ©Helmut Fricke, AFP, AP, Corbis: Charlie Mahoney, dpa, Four Seasons , REUTERS

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Weitere Informationen:

Menschenrechte
„Grundrechte wie die Rede- und Meinungsfreiheit sind eingeschränkt; im Vorfeld und während politischer Kundgebungen werden auch friedliche Demonstranten festgenommen. In maledivischen Gefängnissen sitzen nach wie vor zahlreiche politische Häftlinge ein.[10] Bis heute wird auf den Malediven, außer dem Islam, keine andere Religion geduldet[11]. Am 7. August 2008 erließ Präsident Mohammed Abdul Gayoom eine neue Verfassung, die in Artikel 9, Absatz d) Personen, welche nicht muslimisch sind, die Aufnahme als neue Staatsbürger verwehrt. Dies gilt jedoch nicht für Personen, die auf den Malediven geboren wurden und deren Eltern bereits Staatsbürger sind, unabhängig von ihrer Religion.[12]

Im Juli 2003 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen des Regimes von Präsident Gayoom, in dem dieses beschuldigt wird, Folter anzuwenden. Häftlinge würden geschlagen und getreten, sie müssten stundenlang in Handschellen gefesselt in der Sonne ausharren. Vor Gericht würden ihnen Anwälte verwehrt.

Die Herausgeber des unabhängigen Internetmagazins „Sandhaan“ wurden wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt, unliebsame Politiker seien ebenso weggesperrt worden wie religiöse Führer oder Künstler. Gleichzeitig baute der ehemalige Präsident einstige Militärgebäude zu Gefängnissen aus – auf Inseln weit weg von den Luxushotels der Touristen.“

Im September 2003 kam es zu ersten Massendemonstrationen, nachdem drei Häftlinge unter ungeklärten Umständen im Gefängnis starben. Präsident Gayoom versprach Reformen, das Rechtssystem sollte verändert, die Kompetenzen des Parlamentes erweitert werden. Am 25. September 2003 bestimmte ihn das Parlament einstimmig zum Präsidentschaftskandidaten, zwei Monate später wurde er mit 90,3 % der Stimmen zum sechsten Mal ins Amt gewählt.

Politische Entwicklung
„Mitte August 2004 wurde der Ausnahmezustand auf den Malediven ausgerufen. Seitdem seien Hunderte Menschen nach Demonstrationen gegen das Regime des Präsidenten in Gefängnissen verschwunden, sagt die Opposition, die längst ins Ausland geflohen ist. Unter den Gefangenen sind auch ein früherer Minister und ein Generalstaatsanwalt, was von der Regierung auch bestätigt wurde. Beide sind landesweit bekannte Reformer, die schon seit Jahren für Gewaltenteilung und freie Wahlen auf den Malediven kämpfen.

Am 28. Oktober 2008 wurde der Reformer Mohamed Nasheed zum Präsidenten gewählt.“
Wikipedia: Malediven

Selbstjustiz auf einer Straße in Malé, Malediven. Vigilantes vallen een man aan op straat in de Maldivische hoofdstad Malé nadat deze iets heeft gestolen. De man werd met flessen op het hoofd geslagen alvorens te worden afgevoerd naar een politiebureau. By Ibrahim Iujaz aus Republik Malediven.

Selbstjustiz auf einer Straße in Malé, Malediven. Vigilantes vallen een man aan op straat in de Maldivische hoofdstad Malé nadat deze iets heeft gestolen. De man werd met flessen op het hoofd geslagen alvorens te worden afgevoerd naar een politiebureau. By Ibrahim Iujaz aus Republik Malediven.

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2 Gedanken zu “Die Malediven als Demokratiemuster. Nur ein Habermas kann uns retten, FAZ.net, 09. Februar 2011

  1. Gelungener noch wäre gewesen, wenn Schirrmacher auch die kritischen Fragen gestellt hätte, auf die die Kommentatoren des Artikels gekommen sind. Eine gewisse kritische Distanz hätte schon gerne sein mögen. Freilich ist das Bemühen zu loben, islamische Länder nicht immer nur als den Hort des Bösen zu betrachten.

    Ich habe mal auf die Schnelle ein paar Links zusammengestellt:

    http://www.justament.de/archives/1543
    http://de.wikipedia.org/wiki/Malediven

    http://www.unodc.org/southasia/frontpage/2010/January/interview-with-vice-president.html
    Ein Blog von den Malediven: http://abdullahwaheedsblog.blogspot.com/
    Mehr über die Malediven kann man auch hier erfahren: http://www.maldivedigest.com/

    Verfasst von Gladbecks Bürgermeister der Herzen | Februar 24, 2011, 5:19 am

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