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Angelika Janz, Kanzlerstory, Kultur, Literatur, Prosa

Kanzlerstory

 
Und noch’n Gedicht, aber diesmal in Prosa, Erinnerungen an Gerhard S.

„Wer die üble Angewohnheit angenommen hat, den Schein zu entlarven, dem sind Ereignis und Mißverständnis Synonyme. Zum Wesentlichen gehen heißt, nicht mehr mitmachen, das Spiel aufgeben, sich geschlagen geben.“ E.M. Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein, 1977

 
Um etwas aufzuhalten, darfst du nicht stehen bleiben, du mußt rennen. Du bist kein Widerstand, wenn du unbewegt verwurzelt am anonymen Ort glaubst, Kräfte zu sammeln, bis dich das Böse erreicht. Lauf mit, immer schritthaltend mit dem Feind, er darf deine Geleitschaft nicht bemerken. Während du läufst, darfst du niemanden und nichts Lebendiges berühren, nicht einmal einen Grashalm am Wegrand. Du überholst, während du verfolgst, deine Ankunft, früher als der Feind blendet, damit er alles verpasst. Es ist ja nur ein Ausschnitt deines Weges, der sichtbar wird. Es ist ja nur ein Fragment deiner Person, Fragmentchen, das da durch die erzählte und doch aufsuchbare Wirklichkeit gehetzt wird. Diese Ansicht des Fremdbleibenden, bewegt vom fremden Leseblick,- ist es nicht die bedeutendste, die ein Arbeitsleben durchdringende Schicht des Überlebens – in noch nicht zurechtgefundener Geschichte?

 
Kanzlerstory

 
Der oberste Chef des Landes, tatsächlich, der Kanzler, er sollte ihr kleines Haffstädtchen besuchen. Die Medien verbreiteten: Er stößt dem Osten Bescheid, wegen den Rechten. Mehr weiß er ohnehin nicht von uns. Morgens im Bus sagte der arbeitlose Rudi, 35, ehemals Alkoholiker und konsequent heute nicht mehr, engagierter Fußballer und 2 Jahre lang ABM in einem Bauwagen mit Jugendlichen, ein patenter Kerl, gelernter Dreher zu Ostzeiten und ab der Wende ohne Perspektive, Rudi in seiner abgeschabten Cordjacke, die er seit Jahren trägt, und der zur Jugendweihe den Jugendlichen seines Dorfes Gedichte schreibt, der sagte: der weiß doch gar nichts von uns. Der besucht doch nur den Standort. damit meinte er das riesige und unübersehbare Kasernengelände, das mit Soldaten bewohnt war und das bald aufgelöst werden würde.

Sie rief die Redaktion der einzigen Tageszeitung in diesem Landesteil an, weil sie wissen wollte, wie man dem Kanzler am günstigsten „das Programm der Polnischen Woche und seine europaorientierten Ziele“ – der Inhalt ihrer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme – unterjubeln könne, doch der Redakteur machte ihr keine Hoffnung: der bleibt nur 15 Minuten, trägt sich ins Buch der Stadt ein, jagt dann zum Standort und von dort zum Wasser, auf dem Schiff hat er noch ein Date mit den Rettungsschwimmern, keine Chance.

Dann telefonierte sie, wegen der hungrigen Symphonikermägen nach dem Konzert mit einem Abfallwirtschaftschef, einem selbstverliebten Sponsor, sagte, die fahren mir nicht hungrig ab, und wenn ich eine Goulaschkanone vor der Kirche aufstellen lasse. Er sagte, rechnen Sie, was von den 10.000 DM Honorar übrig bleibt. Wenn Sie mir ein vernünftiges Büffet für 35 DM pP für meine Ehrengäste im Anschluss an das Konzert herrichten lassen, bleibt der Rest für Ihre Musiker.

Sie fragte: Und Sie, heute gar nicht bei der Delegation für den Kanzlerempfang? Ich doch nicht, sagte der Müllchef, ich kenne ja nicht Ihr Parteibuch, aber ich hab das falsche. Übrigens, unter uns, kennen Sie den schon, ich meine, den Witz mit dem Kanzler auf dem Schiff der Rettungsschwimmer, der Verteidigungsminister ist ja, wegen der Standortvisite, auch dabei, also: wenn das Boot untergeht, wen würden Sie retten, den Kanzler oder den Minister? Sie sagte, ich weiß es wirklich nicht, ich gehe davon aus, daß beide sich selber zu retten versuchen, schließlich sind ja auch noch die Rettungsschwimmer da. Der Müllchef lachte gackernd am anderen Ende: Deutschland würde ich retten, Deutschland! Sie schluckte und sagte, oh, das ist ein Witz, der hier geboren ist, oder? So ist es, sagte der Müllchef.

Sie fragte ihre polnische Kollegin: Ob es Sinn macht, unser Programm und unsere Ziele dorthin zu schleusen? Die Kollegin, die in der Regel vor Ehrfurcht kroch und triefte, sagte: Wir werden doch ohnehin verarscht, ausgebeutet und kleingemacht, wir sind der letzte Dreck für die. Ich gehe trotzdem, sagte sie, zum Rathaus, zum Bürgermeister. Kurz vor Arbeitsschluß klemmte sie sich die Mappe mit dem Programm und den Zielen unter den Arm und wanderte durch die kleine Stadt hoch zum Schloß, wo das Rathaus mitsamt seinen aus DDR-Zeiten in den neuen Arbeitsplatz rübergeretteten heutigen Beamtinnen und Beamten untergebracht ist. Noch waren 2 Stunden Zeit bis zur Ankunft des Kanzlers.

Nur hier und da sah man schon Kameraleute und Mikrophonträger desorientiert und nur wenig an der kleinen Stadt interessiert in den engen Straßen unter der freundlichen Sonne herumtappern. Bürger kauften wie täglich immer, den Zwiebelbeutel fest in der Hand und den Blick auf übervolle Schaufenster gerichtet, deren Draperie sie auswendig kannten, ein.

Es schien, als ob heute mehr Hunde als sonst streunten und ihr Bein gegen alles Saubergewischte und Frischgestrichene hoben. Im milden Sonnenlicht saß der Bürgermeister auf einer Bank im Schlosshof – der höchsten Stelle der Stadt – saß da auf einer weißgestrichenen, uralten Bank im blauen Konfirmationsanzug und seinem Rotary-Emblem im Knopfloch, saß da fünfundfünzigjährig, aufgedunsen, mit einer Schnapsfahne und von 2 ABMern eingekeilt, die sein Handy ewachten. Sie gab ihm die Mappe mit dem Programm und den Zielen für den Kanzler, doch der Stadtoberste meinte aufgeräumt und im vollsten Bewußtsein, sich kurz vor dem Höhepunkt seines Lebens „hier in unserem vergessenen Nordosten“ vorzufinden: So schnell kann ich das Gästebuch gar nicht aufschlagen, wie der wieder weg ist, aber sein Doktor ist da, der Protokollchef, dem geb ich die Mappe, immerhin bin ich ja auch Mitglied bei den Deutschpolnischen. Sie sagte, warum faxt der denn dann seine Unterschrift nicht? Einer der ABMer sagte: Kennen Sie schon den neuesten Witz? Sie sagte, ja, ich kenne ihn.

Gut, sagte der andere, da ist aber noch was. Hitler hat sich bei seinen Bädern in der Menge auch immer mit Frauen und Kindern filmen und fotografieren lassen, wie der. Aber wir wollen nichts gesagt haben, sagte der Bürgermeister aufgeräumt und sonor, und sie sagte: Tatsächlich? Das war mir nicht bekannt. So, wie Sie das sehen. Mir fällt dazu nichts, absolut nichts ein. Nur, daß er das Programm und die Ziele lesen soll, daß er mitbekommt, daß von der Basis noch war andres kommt, hier, nicht nur Glatzen und tote Scholle.

Und sie drehte sich langsam um, Richtung Bushaltestelle, wo schon der Taubstumme auf sie wartete, der sich sein Zubrot zur kleinen Rente mit Hilfsarbeiten bei der Volksolidarität verdient, der immer mit ihr einsteigt, um ihr mit den immer selben Gesten zu erzählen, wie er als Tischler zu DDR-Zeiten seine ganze Hand unter der Kreissäge fast versägt hätte. Wenn er ihr jeden frühen Morgen beim Einstieg in den Bus und später noch einmal beim Warten darauf 9 Stunden später die Hand mit den dicken halben Stummelfingern reicht, greift sie nur in die Hälfte seiner Hand. Halbherzig ist dieser brave Mensch nicht, unsäglich schielend hinter der in den Bügeln mit Packband geklebten Ostbrille, die mit Gummibändern an den großen behaarten Ohren befestigt sind, blickt er sie fröhlich an, plaziert sich einen Sitz hinter ihr, sodaß sie sich zu ihm umdrehen muß undd beginnt, in seiner sehr eigenen Gebärdensprache, die unaufhörlich Größe, Bewegungen und Überraschungen zum Inhalt hat, zu erzählen: Inhalte, die es verdient haben, Bedeutung für unverlierbar zu halten, unentzifferbar, und geeignet, ein freundliches, verstehendes, wenn oft auch angestrengtes Nicken hervorzurufen. Seine Bewegungungen sind die eines großen Staatsmannes, der
in großartigen und stolzen Gesten die Erzählung der Geschichte seines Landes begleitet.

 
Wie es war als der Kanzler in den Nordosten kam

 
Der Redakteur erzählte: Als der Kanzler am Schloß im Laufschritt ankam, um schnell sich ins Stadtgästebuch einzutragen, schrie eine Handvoll Menschen: Helmut, Helmut! Der Kanzler hat einen ähnlichen, ebenfalls seiner Generation wie sein Vorgänger angepaßten Namen, doch dem Ruf dieses Landes gemäß hinken die Menschen der Zeitrechnung in vollem Bewußtsein angeblich ein ganzes Jahrhundert hinterher. Da kann man froh sein, daß sie begriffen hatten, daß man mit der Zeit zu gehen hat und sie nur gut 2 Jahre im Nachzug waren. Immerhin rollten sie nach dieser vom Kanzler und den wenigen Umstehenden kaum sichtbar wahrgenommenen Begrüßung ein Transparent vor der wie eingefrorenen Delegation von Regional- und Bundesgrößen auf, auf dem stand: Herr Kanzler! Denken Sie endlich mal an die Handwerker!

Ab hier beginnt das Neue, Andere: Da blieb der viel kleinere, als der vorige Kanzler stehen und sagte mit seiner sonor klingenden glattankünftigen Managerstimme: Ich denke gezwungenermaßen täglich an das Schicksal der Handwerker, weil mein Bruder selber aus Handwerkskreisen stammt. Ein Handwerker ist ein Einzelkämpfer wie ich und wird deshalb schon von mir gewürdigt, als Handwerker, der er ist. Handwerker sind der goldene Boden der Zukunft im Kleinen, im Allerkleinsten, in der ganz kleinen Staatszelle. Ich schätze die Arbeit der Handwerker, denke ich nur an mein Haus, dort, wo ich: wirklich: zuhause bin. Es ist zutiefst geprägt von Eurer Arbeit, Genossen! Eure Selbständigkeit liegt im obersten Fach meiner Chefrealität!

Da schrien die Handvoll Leute, die übrigens fast alle in Jogginganzügen postierten: Helmut, Helmut, du gehörst zu uns! Da resignierte der Kanzler, der Gehard hieß wie noch ein anderer aus der Politik, der auch aus Handwerkerkreisen stammt, aber das Unternehmertum immer mehr gestützt hatte: Euren Helmut habe ich nicht mitgebracht. Dann jagte er Richtung Gästebuch und sein Gefolge hechelte hinterher – beflissen und anzugbezogen, er schrieb sich heftig ein, nach jedem Buchstaben seines Namens frontal gegen die Blitzlichter und Kameras lächelnd. Die meisten Berichterstatter hatte er ja mitgebracht.

Ob er seinen Namen nochmal unterstrichen hat?

Draußen stand die Handvoll Bürger noch immer: Jetzt waren protokollmäßig Hände zu schütteln, aber die Handvoll wich zurück, und nur ein nicht Ansässiger, ein Tourist, ließ sich in diesem Akt des Handergreifens, der mehr ein Versuch der Berührung war, fotografieren. Auf dem Foto sieht man, wie die Touristenhand in die halbe Leere der Kanzlerhand greift, das Bild gestaltet sich so, wie ich jeden Morgen meinen taubstummen Kumpel im Bus begrüße. Später gab der von Journalisten umringte Tourist privat zu Protokoll: Ich kam nur zufällig vorbei. Zu Hause wäre ich nicht nach dem Kanzler gerannt. Aber ich dachte: Hier erkennen die von zu Hause dich ohnehin nicht. Keiner würde mir sowas zutraun.

 

Angelika Janz

 

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