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9. November, Angelika Janz, Erinnerung, Kultur, Kulturkapital, Literatur, Prosa, Von den Siegern

Von den Siegern

 

Von den Siegern

Grauwert, by Angelika Janz

Grauwert, by Angelika Janz

Ich stand in der provisorischen Küche des Künstlerhauses, einer ehemaligen Schule und spülte Berge von Geschirr. Die Küche war einst der Kartenraum gewesen – dort hing noch immer die alte Deutschlandkarte vor 45. Nebenbei kochte ich einen riesigen Topf Bohnen mit Rindfleisch für uns alle und hörte Radio wie immer bei der Küchenarbeit. Den Nachrichten lauschte ich, wie immer mit halbem Ohr, während ich mich innerlich auf den nächsten Arbeitstag im Museum vorbereitete, bis mich irgendetwas Ungewöhnliches aufhorchen ließ. Es muß ein Wort gewesen sein, das sich nicht einfügte in die tägliche Routinesprache der Nachrichten, doch es war eine unaufgeregte Nachricht. Dann ein Originalzitat von Günter Schabowski, dieser Mann war mir bisher nicht geläufig gewesen, seine zögernde Stimme, die eine Nachricht unendlich in die Länge zu ziehen schien. Der Mann schien selber nicht zu wissen, was er sagte, denn es lag ein ungläubiges Staunen in einer Stimme voller Fragezeichen. Da war von Freizügigkeit ab sofort die Rede, oder war es das Wort freier Grenzübertritt, ich weiß es nicht genau. Er sagte sogar: Wenn ich das, was ich da lese, richtig verstehe… Ich übersetzte, verstand, begriff unverzüglich und ohne jeden Zweifel, was da etwas lapidar und ungeschönt, ein wenig ungläubig gar und umständlich, ausgesprochen wurde, ohne, dass jemand es so aussprach, wie es sich unumwunden in meinem Kopf formulierte: Die Mauer ist geöffnet! Ja, ich sagte es sofort laut vor mich hin und ging dann ins Nachbaratelier zu meinen nach Feierabend schachspielenden Kollegen: „Die Mauer ist auf.“ Erzähl keinen Unsinn, sagten sie, und spielten ungerührt weiter. „Du mußt dich verhört haben“. Die Kollegen spielten ungerührt weiter und tranken ihr Bierchen dazu. Ich brachte ihnen eine halbe Stunde später mein Transistorradio. Ich stellte das Radio mitten aufs Schachbrett, dass die Figuren umkippten oder auf den Boden rollten. Sie hörten zu, hoben die Figuren auf und stellten sie wieder in die letzte Position. Sie wirkten unschlüssig und wohlwollend. Sie hatten niemanden „drüben“ so wie ich. „Komisch“, das war ihr Fazit, „die vereimern ihre eigenen Leute“. Ich brachte die Bohnensuppe und ließ das Radio weiterlaufen. Alles weitere an Informationen von Stunde zu Stunde blieb unaufgeregt, die Kommentare spekulierten, eine entschiedene Euphorie blieb aus. Die Sprecher blieben vorsichtig. Man hielt sich lieber an die Fakten, wie die wachsende Menschenmenge vor den Grenzübergängen. Gerade hatte ich wieder einen Visumsantrag gestellt, obwohl ich erst vor wenigen Monaten dort gewesen war. Der wird ab sofort überflüssig, dachte ich vollkommen überzeugt.

Angelika Janz: orten vernähte alphabetien

Angelika Janz: orten vernähte alphabetien

Und ich ging zum Telefon eine Etage tiefer. Ich hatte in die Gesichter der Greise auf der Tribüne geschaut, als das junge Schalmeien-und Fahnenvolk in gestärkter Kluft an ihnen vorbeiexerzierte. Junge, lachende Gesichter, darunter steife Körper in gebügelten Uniformen. Versteinerte Gesichter auf der anderen Seite, darunter steif, geschwächte Körper in gebügelten Anzügen, kalte alte Gesichter mit dünnen Strichmündern und undurchdringlichen Blicken, die Haut von Selbstgefälligkeit geglättet, dass sich mir das Anagramm des Wortes GREISE aufgedrängt hatte: SIEGER. Waren sie die Sieger über ein Volk geworden, das immer sehnsuchtsvoller gen Westen blickte? Aber ich hatte doch erst kürzlich den alten Staatsrat mit fester Stimme vernommen: Die DDR existiert noch hundert Jahre. Ich fand das vermessen und bedrohlich. Ich hörte die Stimme noch tagelang und fand keinen Schlaf. Das ist Diktatur, dachte ich damals, denn ich hatte meine Verwandten immer anders wahrgenommen. Sie wollten anders leben. Auch heute wollen sie wieder anders leben. So ziemlich alle zwei Jahre erhielt ich ein Visum für die Zone, denn dort lebten Oma und Verwandschaft. Heute sind Oma und Jockel tot, Oma ist 97 geworden und Jockel hat nicht mal ein Jahr Westrente überlebt. Zum Schluß sah man ihn nur noch mit Ziehkarren sein tägliches Pensum Bier und Schluck nach Hause transportieren, womit er sich im Kohlenkeller langsam zuschüttete. Seine Frau flößte ihm auf dem Sterbebett süße Sahne ein.

Ich liebte die Berliner Oberbaumbrücke. Eine Fußgängerbrücke über der Spree mit alten Eisenbeschlägen. Ich liebte den Namen der Brücke, eine Brücke zwischen zwei Bäumen, zwei Stammbäumen vielleicht. Als ich in den 80er Jahren vier Jahre in Berlin lebte, wurde diese Brücke Gegenstand einer eigenartigen Sehnsucht: Einmal darüber laufen können – auf die andere Seite! Direkt danaben gab es ein kleines Cafe, in dem ich manchmal saß, schrieb und mir vorstellte, wie die Welt beschaffen sein müßte, damit die Brücke begehbar würde. Oft ging ich abends hin und blickte sie in der Dämmerung an, ihre stacheldrahtverhauene Präsenz, ihre unter der Sicherheitstechnik verborgene Unschuld, ihre Unüberwindbarkeit, ihre Nutzlosigkeit. Manchmal weinte ich, wenn ich sie von Weitem wahrnahm.

kreide, by Angelika Janz

kreide, by Angelika Janz

Jockel aus Ferdinandshof sagte immer: Die DDR ist ein einziger Dunghaufen. Naja, sagte ich dann, Dung ist die Grundlage für neues Wachstum. Er verbesserte sich ärgerlich und verwendete noch einmal, sehr deftig das deutsche Wort für die menschlichen Verdauungsreste. Trotzdem sagte er immer zu mir: Du bist richtig für die Jugend. Zwei später arbeitete ich an Jugendprojekten im Kreis Pasewalk und wollte nie wieder weg aus dem Nordosten. Zwanzig Jahre lang lebte ich als Künstlerin und Museumspädagogin in einer westdeutschen Großstadt, und nun war ich Sozialarbeiterin, als habe es nie einen anderen Beruf für mich gegeben.
Aber an jenem bewußten Abend, der wie alle Tage meines Alltags begann und so anders endete, da saßen die beiden am Abendbrotstisch. Jockel aß wie immer fast nichts, denn er war bereits abgefüllt. Die Tante saß wie immer schweigend, feurige Blicke versprühend, und schob sich einen Aal, den sie vorher wie eine Banane geschält hatte, in den Mund. Der Tisch war eingedeckt mit Schlachtwurstsorten vom letzten gefutterten Schwein. Die dünne gichtkranke Tochter konnte keinen Bissen runterkriegen, sie hatte zwei Schlagertafeln und einen Liter Kaffee intus. Sie rauchte hektisch ihre dritte Zigarette am Tisch und verfolgte teilnahmslos die Bewegungen der Mutter. Als ich anrief, ging die Tante gleich ran. Ich schrie in den Hörer: Mensch Leute, die Mauer ist auf! Die Tante sagte: Du spinnst. Alles ist wie immer. Ich sagte: Hast du schon Nachrichten gehört? Ja, sagte sie, die haben schon was Komisches gesagt, aber das machen die öfters, du irrst dich bestimmt. Die wollen uns nur bei der Stange halten. Im Hintergrund grölte Jockel mit seiner dunklen, vorpommerschen Stimme: „Die DDR ist ein einziger…“. Die Tochter zischte ihn an und er verstummte. Jockel würde sich gleich auf dem Vorleger vor dem ehelichen Bett angezogen ausstrecken und schnarchen. Mach dir keine Hoffnungen, sagte die Tante zu mir. Ich sagte: Ich rufe in zwei Stunden wieder an, und Ihr werdet sehen, ich habe recht, die Mauer ist auf.

Kriegsgewinn sucht Lüge, by Angelika Janz

Kriegsgewinn sucht Lüge, by Angelika Janz


Aber da kam ich schon nicht mehr durch. Die Leitungen waren völlig überlastet und die ersten jubelnden Fernsehbilder überfüllten den Äther. Wenige Tage später war ich schon so oft die Oberbaumbrücke in beide Richtungen gelaufen, dass es in meinem grünen Reise-Pass keinen Stempelplatz mehr gab. Immer wieder war ich über die Brücke gelaufen, geschlendert, gejagt und war dann stundenlang und wie befreit durch die fremde deutsche Großstadt gegangen, durch die ich mich einst nur ängstlich vorwärtsbewegt hatte. Ich habe zunächst nur wenig gesprochen und nur geschaut und meine Nase in alle möglichen Räume und Läden gesteckt. Mich interessierten Gerüche und die Strukturen und Farben der Dinge, die sich anders als bei uns anfühlten. Im Zickzack durchjagte ich schwankend die Stadt per Straßenbahn, so kam es mir vor. Die Fassaden erinnerten mich an ein fernes, einst entrücktes Zuhause.

Der 9. Novmber dauerte viele Wochen für mich. In meinem Leben hatte sich plötzlich etwas ohne mein Zutun entschieden. Ein halbes Jahr später hatte sich mein Bild von den Siegern gewandelt. Ich schämte mich für den westlichen Teil der Republik. Ich mißtraute einem System, das den Betrug an den kleinen Leuten zuließ, die soeben erst entdeckt hatten, dass Konsum wählbar ist. Wählbar und entleert wie die Herzen jener Menschen, die von nun an viele Biografien eines geeinten Volkes zu brechen verstanden.

 
Angelika Janz

 

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Seit seiner Gründung versammelt das next Kabinett kreative Kopfarbeiter um sich und versucht, bisweilen unter Zuhilfenahme überlieferter und überschätzter Utopien, einen neuen Blick auf das politische, gesellschaftliche und kulturelle Geschehen zu werfen.

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